Der Deutsche Bundesjugendring (DBJR) ist die Lobbyorganisation, die die Belange der Jugendarbeit gegnüber der Öffentlichkeit und auf (bundes-)politischer Ebene in Berlin vertritt. Für die dort herausgegebene Zeitschrift „Jugendpolitik“, habe ich folgenden Fachbeitrag geschrieben. (&tldr am Schluss)

Social Media – wir müssen reden!

Die Welt verändert sich, ständig, immer, überall! Aus Sicht von „Jugendarbeitern“ eigentlich eine Selbstverständlichkeit, schließlich besteht die tägliche Arbeit aus dem Umgang mit denen, die neue Ideen in die Gesellschaft bringen, die Grenzen austesten und dadurch die eigene Persönlichkeit definieren. Wie geht man aber damit um, wenn diese Grenzen plötzlich nicht mehr greifbar sind? Wenn sie virtualisiert werden und die persönliche Erfahrung von Grenzen plötzlich über den eigenen fassbaren und lokalen Horizont hinausgeht? Jugendarbeit lebt vom „sozialen Netz“, vom Beziehungsgeflecht zwischen den Jugendlichen. Dieses Geflecht zu erkennen und jungen Menschen darin Orientierung und Halt zu geben, dafür werden Pädagogen ausgebildet.

In einer analogen Welt ist dieses Netz ein greifbares. Wer sitzt in der Schule neben wem und neben wem eben nicht? Wer darf im Jugendhaus mit an den Kicker oder wer wählt wen beim Fußball in die eigene Mannschaft? All das ist nach außen sichtbar, beherrschbar und Teil der Jugendarbeit. All diese Beispiele sind Plattformen, für deren Nutzung Pädagogen ausgebildet und geschult werden. Sie sind Teil einer „greifbaren“ und analogen Welt. Für Heranwachsende bilden diese Plattformen den Raum für das eigene Erleben, das Finden eines Weges, bieten aber auch die Möglichkeit, die Richtung zu ändern und Neues auszuprobieren.

Kommunikation ist dabei ein entscheidender Faktor. Über das gemeinsame Gespräch baut sich Vertrauen auf, die einzelnen Punkte des Netzes werden miteinander verknüpft und neue Ideen transportiert. Manchmal sehr direkt und frontal, manchmal auch über Umwege. Fast immer aber im Dialog, eigentlich immer über Ausprobieren, Interpretieren und Teilhabe.

Und plötzlich ist da das Internet, ist da „Social Media“. Es ist unsichtbar, es benötigt Geräte, eine Internetverbindung. Die Nutzung verstößt gegen Datenschutzvereinbarungen, Arbeitszeitregelungen, IT-Sicherheitsrichtlinien, gegen das Urheberrecht und garantiert innerhalb von kürzester Zeit die Auseinandersetzung mit einem ganzen Heer von Anwälten, Geheimdiensten und sonstigen Gestalten, mit denen früher höchstens die ganz schweren Jungs zu tun gehabt hätten. Aber trotzdem ist es nur wenige Klicks entfernt!

Social Media nutzt jeder, mit wenigen Ausnahmen, aber um dieses kleiner werdende „gallische Dorf“ soll es hier nicht gehen. Die kritische Frage, die in diesem Kontext häufig gestellt wird: Wie kann eine ganze Generation von „Digital Natives“ sehenden Auges intimste Daten einer Maschine anvertrauen – einer Maschine, die mit anderen Maschinen kommuniziert, Schlüsse zieht und die plötzlich in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen.

Und trotzdem nutzt Social Media in irgendeiner Form jeder, die „Nichtnutzer“ sind inzwischen die Minderheit. Was bei den unter 30-Jährigen inzwischen abgeschlossen ist, wiederholt sich gerade bei den Senioren. Einer Personengruppe, die damit umgehen muss, dass die eigene Mobilität schwindet, dass der Kontakt zu Kindern und Enkeln immer weniger wird, weil man nicht mehr an einem Ort wohnt. Facebook & Co. befriedigen hier ein Bedürfnis nach Nähe. Die eigenen Enkelkinder jeden Tag sehen zu können, obwohl die Familie nicht im selben Haus, der gleichen Stadt, ja nicht einmal auf dem gleichen Kontinent wohnt. Kein Problem. In Kontakt mit alten Freunden bleiben, obwohl eine Reise beschwerlich wird. Ein Buch aus der Bibliothek entleihen, obwohl der Weg in die Stadt weit ist und Bücher schwer zu tragen. [enter a abgefahrenes Beispiel by yourself!] Die Digitalisierung macht das möglich, sie schafft Nähe und ermöglicht das Be- sowie das Entstehen von Netzwerken.

Die sozialen Netzwerke sind die neuen Feuerstellen unserer Gesellschaft. Das Feuer, an dem man sich wärmt, mag nur ein virtuelles sein, es erfüllt aber ganz hervorragend seine Grundfunktion: Sammelpunkt und Plattform für Gespräche zu sein. Vorteil des virtuellen Feuers: Es ist entkoppelt vom Raum, weil virtuell – es ist entkoppelt von der Zeit, weil digital gespeichert. Dadurch geht natürlich viel „Lagerfeuerromantik“ verloren, aber die andere Aufgabe – nämlich gemeinsame Austauschplattform für Informationen, Geschichten und Neuigkeiten zu sein – wird ganz hervorragend erfüllt.

Jetzt ist da noch dieses „wir müssen reden“. Der Dialog – in der echten, einer analogen Welt, Kern der Arbeit – wird plötzlich kompliziert. Eingespannt in immer enger werdende Arbeitsprozesse, wächst die Erkenntnis, dass es unmöglich ist, bei den ganzen kleinen vor sich hin lodernden Feuerstellen dabei zu sein, einen Dialog zu führen. Findet der Dialog in einer Facebook-Gruppe statt, so hat die Information Bestand und ist nur eine Beitrittsanfrage entfernt – ist es ein temporärer Skype-Chat, dann ist die Feuerstelle schon wieder weg, kaum dass man sie bemerkt hat.

Diese Tatsache als Problem zu empfinden, beruht auf einer falschen Erwartungshaltung. Auf der Erwartungshaltung, plötzlich mehr kommunizieren zu müssen, nur weil es mehr Möglichkeiten dazu gibt. Diese Annahme ist falsch. Die Herausforderung an die veränderte Kommunikationswelt ist, die eigenen Botschaften und Informationen in eine Form zu bringen, in der sie überhaupt zugänglich sind. Die Aufgabenstellung, die sich aus dieser Situation ergibt, ist also eigentlich ganz einfach: Digitalisiert euch!

Digitalisiert euch!

Um zu erklären, was hinter diesem Appell steckt, macht man am einfachsten einen kurzen Ausflug in prähistorische Zeiten: Vor rund 40.000 Jahren standen Steinzeitjäger vor einer Herausforderung: Das Wissen über gute Jadgplätze wurde von Gruppe zu Gruppe mündlich weitergegeben. Das klappte irgendwann nicht mehr. Ich vermute mal, der Grund war ein disruptiver Technologiesprung, vergleichbar mit der Erfindung des Internets oder der beweglichen Lettern im Buchdruck. Nehmen wir einfach einmal an, die neue Technologie war, Hunde als Tragetiere zu nutzen. Als direkte Folge setzte eine vermehrte Wanderbewegung der Gruppen ein, die einzelnen Gruppen trafen sich nicht mehr so häufig und hatten damit weniger Gelegenheit zum Austausch von Informationen. Essenzielles Wissen drohte verloren zu gehen. In dieser Situation kam jemand auf eine geniale Idee: Warum nicht einfach die Information an einem zentralen Ort speichern und somit für alle verfügbar machen? Gesagt – getan, die Erfindung der Höhlenmalerei war erledigt.

Aus der Erkenntnis, eben nicht an jeder Feuerstelle mitquatschen zu können und tolle Jagdstorys sowie Sammelplätze für besonders schmackhafte Beeren zum Besten zu geben, entstand die Idee eines zentralen Anlaufpunktes. Da die Speichertechnologie zu dieser Zeit noch nicht wirklich fortgeschritten war, nutzte man als Medium einfach das, was da war: eine Höhlenwand. Dann passierte erst mal lange nix und in den vergangenen 5.000 Jahren ging es dann Schlag auf Schlag: Erfindung von Sprache und dann von Schrift als „normierte Formatierung“, Erfindung von Papyrus & Co., um die Informationen mobil zu machen, Erfindung von beweglichen Lettern im Buchdruck, um die Informationen im großen Stil vervielfältigen und somit verteilen zu können. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung leitete der Telegraf ein, der Information komplett vom Medium abkoppelte und in elektrische Signale verwandelte. Das Internet und der persönliche PC sind eigentlich nichts anderes als persönliche Telegrafenstationen, wobei die Signaldichte deutlich zugenommen hat.

What’s next? Mobile first!

Dieses Schlagwort, im Online-Marketing wie der Heilige Gral gehandelt, gibt die Richtung vor: Nachdem die meisten Informationen inzwischen komplett digital verfügbar sind und wir dabei sind, Infrastruktur in Form von Mobilfunk- und WLAN-Netzen auszubauen, verändern sich auch die Empfangsgeräte. War die Information vor zehn Jahren komplett an eine feste Schnittstelle gebunden, meist in Form des PCs auf dem Schreibtisch, entwickeln sich Laptops, Tablets und Smartphones inzwischen zu Standard-Schnittstellen für die digitale Welt. Der nächste Schritt sind die „Wearable Computer“, also Geräte, die einfach da sind, die wie Kleidung getragen werden. Heute noch unvorstellbar … So ein bisschen wie Smartphones Anfang der 1990er-Jahre.

Was gerade passiert, ist eine Umkehrung des Problems der Steinzeitjäger: Trotz großer Distanzen ist der Dialog ständig möglich. Das führt zu einer unglaublichen Zunahme von Informationen, die Dialoge werden zu einer Kakofonie, einem Gezwitscher. Um hier trotzdem noch an relevante Informationen zu gelangen, gibt es eine einfache Taktik, die so simpel ist, dass sie bereits vor 40.000 Jahren funktionierte: Man speichert die Information. Hat man früher einfach gesagt, in welcher Höhle die Malerei zu finden ist, verschickt man heute einen Link. Diese Entwicklung trägt quasi schon die nächste Iteration, also den nächsten Entwicklungssprung, in sich: Wenn eh nur ein Link verschickt wird, ist es dann überhaupt noch wichtig, alle Informationen an einer zentralen Stelle gespeichert zu haben? Im Fall der Jugendarbeit würde ich das klar bejahen. Denn die eigene Plattform ermöglicht die Recherche, auch für Nutzer, die unter Umständen nicht so viel Erfahrung in der Mediennutzung haben. Für einzelne Kampagnen oder Aktionen, kann aber durchaus eine temporäre Plattform, z. B. ein tumblr-Blog, infrage kommen, denn hier ist der Mehrwert ja die inpiduelle, zeitnahe Information.

Digitalisiert euch! Dieser Appell richtet sich an Jugendarbeiter. Geht davon aus, dass ein Großteil der Menschen, mit denen ihr täglich zu tun habt, bereits digitalisiert ist. Sie haben quasi alle in irgendeiner Form Zugriff auf eine Schnittstelle in die digitale Welt, in das Social Web. Macht eure Informationen digital verfügbar, verlinkbar, likebar! Nur so gebt ihr den Menschen überhaupt die Möglichkeit, für das eigene Erleben, das Finden des eigenen Weges und bietet ihnen damit auch die Möglichkeit, die Richtung zu ändern und Neues auszuprobieren.

Digitalisiert euch! Dieser Appell richtet sich auch an die Politiker und Amtsträger in der Jugendpolitik. Ihr schafft die Rahmenbedingungen, in der Jugendarbeit stattfindet. Jugendarbeit ist immer Veränderung und Neues, ist Zukunft. Es geht darum, die Gelegenheit zu geben, gesellschaftliche Werte und Normen kennenzulernen und eigene Grenzen auszuprobieren. Im Umgang mit der Digitalisierung helfen also weder Verbote noch Ignoranz. Zu tief ist die Digitalisierung bereits im täglichen Leben fortgeschritten. Eure Aufgabe ist jetzt also, Bedingungen zu schaffen, in denen eure Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ständig das Gefühl haben, gegen interne Richtlinien, Bestimmungen und Verträge zu verstoßen. Jugendarbeit braucht Sicherheit und Kontinuität sowie das Signal, dass ihr euren Leuten vertraut!

&tldr; – Liebe Jugendarbeiter, digitalisiert euch! Packt eure Informationen wohin auch immer und teilt die Links in alle Welt!
Liebe Jugendpolitiker und Amtsträger: Zeigt euren Mitarbeitern, dass sie euer Vertrauen genießen, dass sie auch mal ausprobieren dürfen und fordert das sogar von ihnen. Eure Aufgabe ist es, dafür einen Rahmen zu schaffen, der so gestaltet ist, dass er die Arbeit fördert und nicht verkompliziert.

Über den Autor: Peter Mestel Scheffler, Jahrgang 1982, SocialMedia Pfadfinder und Online-Marketing Consultant bei der Firma User Centered Strategy in Erlangen (http://www.ucstrategy.de) und ehrenamtlich in der Bundesleitung des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, dem größten evangelischen Pfadfinderverband in Deutschland. (http://www.vcp.de)